Freitag, 23. Februar 2018

[Rezension] Martin Krist: "Alanna - Böses Kind"

[Werbung/Rezensionsexemplar]

Suse ist eine heillos überforderte Mutter – sitzen gelassen von ihrem Ehemann, versucht sie sich und ihre drei Kinder mit einem Teilzeitjob in der Drogerie über Wasser zu halten. 

Was in jedem Fall einfacher gelingen würde, wenn ihre pubertierende Tochter Jaqui nicht zusätzlichen Stress bereiten würde. Wieder einmal ist sie von zu Hause ausgerissen.


Die ersten Seiten versetzen die LeserInnen sofort in eine Stresssituation

Man kann förmlich die Hektik und Lautstärke spüren, der Suse ausgesetzt ist. Ein unbehagliches Gefühl zwischen Mitleid und der „Situation-entfliehen-wollen“ macht sich breit, bevor die Kopfschmerzen der Protagonistin die eigenen werden. Ein hervorragender Einstieg: So authentisch eine Problemsituation zu schildern, ohne dabei auf Biegen und Brechen eine Geschichte konstruieren zu wollen, gelingt in den seltensten Fällen. 

Bald darauf machen wir Bekanntschaft mit Ermittler Henry Frei. Auch dieser wirkt wie aus dem echten Leben gegriffen. 

Frei hat etwas neurotische Züge und erinnert in seinem Handeln an Charaktere wie „Monk“ oder „Dr. House“ - um bekanntere Fernsehgrößen zu nennen, die den Vergleich am deutlichsten machen. Hier und da fühlt man sich sogar selbst erkannt - denn wer von uns hat keinen Spleen, der auf andere Menschen befremdlich wirkt? Gleichzeitig erlebt man ihn immer wieder aufs Neue als liebevollen Familienvater, der sich fürsorglich um Frau und Tochter bemüht. Frei wird von Seite zu Seite sympathischer.

Sein Können als couragierter und disziplinierter Ermittler stellt er ebenfalls unter Beweis, als sich die Ereignisse alsbald überschlagen: 

Auf einer Baustelle wird ein gekreuzigter Hund gefunden, der zwar kein Fall für die Mordkommission ist, aber ein grausamer Vorbote für die nächsten Geschehnisse. Kurz darauf ist das Opfer nämlich kein Hund mehr, sondern ein Teenager. 

Jetzt kommt wieder Suse ins Spiel, die sich parallel in all ihrem Trubel Sorgen um ihre ausgerissene Tochter machen muss. So lange fern zu bleiben ist auch für Jaqui nicht üblich – Suse informiert die Polizei und hat einen grausamen Verdacht. 

Wer jetzt auf einen klassischen Krimi nach Schema F hofft, wird bitterlich enttäuscht werden – und alle anderen, inklusive mir, dürfte das besonders freuen.

Die Vorgehensweise ist unüblich und gerade deshalb so kurzweilig und abwechslungsreich.

Neben diese beiden Erzählsträngen, die im Laufe des Thrillers zusammenfinden werden und für sich genommen schon spannend genug sind, erhalten die LeserInnen in regelmäßigen Abständen einen Einblick in die Szenen einer völlig unbekannten Person. Eingesperrt in ein Kellerverlies, werden aus dieser Sichtweise die grausamsten Ängste beschrieben, die man sich wohl ausmalen kann. Das passiert aber nicht wortwörtlich, sondern vor allem durch die Fantasie der LeserInnen. Grausame Taten werden nicht bis ins letzte Detail beschrieben, sondern geschickt mit wenigen Worten angedeutet und die Leserschaft sich selbst überlassen. 

Clever sind auch die eingesetzten Stilmittel. 

Beispielsweise hören die Charaktere immer mal wieder Musik und man wird als LeserIn sofort in die gleiche Stimmung des Protagonisten versetzt. Ohrwürmer sind garantiert. Ähnlich verhält es sich mit der immer wieder angezeigten Uhrzeit. Eine prima Methode, um den LeserInnen eine Hilfe zur zeitlichen Einordnung zu geben, ohne es umständlich in schlecht konstruierten Sätzen unterbringen zu müssen. 

Und der Schreibstil insgesamt?

Der ist einfach gehalten, ohne ausschweifende Erzählungen, die mit der Hauptstory nichts zu tun haben. Die Kapitel enden häufig mit einem Cliffhanger, was mir persönlich sehr gut gefällt – denn so wird besonders viel Spannung erzeugt. Das wird weiter unterstützt, durch den angesprochenen fortlaufenden Perspektivenwechsel der Kapitel. So müssen die LeserInnen sogar immer wieder ein paar Seiten warten, bis es mit der gewünschten Person weitergeht und ein weiteres Puzzleteil hinzukommt – die Spannung steigt so ins Unermessliche und der Thriller scheint förmlich in den Fingern dahin zu schmelzen. 

Das Sahnehäubchen auf diesem Eisbecher sind die nicht vorauszusehenden Twists, die Krist geschickt einbaut: Ist man sich endlich sicher, des Rätsels Lösung gefunden zu haben, merkt man schnell, dass man selbst auch nur ein Opfer ist: Ein Opfer des Autors, der die LeserInnen subtil aber erfolgreich auf die falsche Fährte geführt hat. Großartig!

Alleinig das Ende ist meines Erachtens nicht so perfekt gelungen, wie der Rest.
Das hat jedoch nichts mit der Story an sich zu tun, welche hervorragend logisch bis zum Ende gedacht wurde. Viel mehr wurde der Thriller nach des Auflösung so abrupt abgebrochen, dass ein paar mehr Sätze dazu nicht geschadet hätten. So fühlte man sich im Stich gelassen, mit zu vielen offenen Fragen über die Charaktere, die im nächsten Fall für Frei sicherlich keine Rolle mehr spielen werden. Andererseits hat man plötzlich Zeit, die Geschichte in Ruhe wirken zu lassen. Denn der letzte Twist? Wirkt noch immer nach. 

Aus diesem Grund vergebe ich 9 von 10 Krönchen. 
♛♛♛♛♛♛♛♛♛♕

Übrigens: Die Fortsetzung „Stille Schwester“ erscheint am 21.05.2018. 


Titel: "Böses Kind"
AutorIn: Martin Krist
Verlag: R&K Berlin 
ISBN: 9783745035292
Taschenbuch
Veröffentlichung: 20.11.2017 
320 Seiten
Preis: 9,99€
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Dieses Buch ist ein Rezensionsexemplar.
Vielen Dank an Martin Krist!

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